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Der alltägliche Wahnsinn in Worten und Bildern - Weblog auf sven-friedrich.com
30.1.06
26.1.06
Verbrechen lohnt sich nicht!
Ziemlich dumm stellten sich Gangster in Saarmund bei Potsdam an, als sie versuchten, den Geldautomaten einer Bank zu stehlen. Sie setzten mit einem geklauten LKW rückwärts durch die gläserne Eingangsfront in die Bank und verbanden den Automaten mit Hilfe eines Seiles mit der Anhängerkupplung des Lastwagens. Danach fuhren sie an und entkamen mit der aus ihrer Verankerung gerissenen Beute - dem Kontoauszugsdrucker...
15.1.06
Viele Wege zum neuen Job
Ein Institut der Bundesagentur für Arbeit hat untersucht, auf welche Weise Firmen bevorzugt nach neuen Mitarbeitern gesucht haben und wie erfolgreich die beschrittenen Suchwege gewesen sind.
Es sind nicht die großen Firmen und Konzerne, die bevorzugt Mitarbeiter einstellen: Mehr als die Hälfte der offenen Stellen wurde Ende letzten Jahres von Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten angeboten, allein 30 Prozent von kleinen Betrieben mit bis zu 10 Mitarbeitern. Bei Facharbeitern und qualifizierten Angestellten oder Beamten hat sich die Zahl der Vakanzen weiter verringert. An- und ungelernte Arbeiter sowie einfache Angestellte hingegen wurden häufiger gesucht - ein Umstand, der sogar das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) überrascht hat, das die Studie in ihrem Kurzbericht 6/05 veröffentlicht hat.
In Westdeutschland suchte im vierten Quartal 2004 etwa jeder achte Betrieb Personal, in Ostdeutschland stellte im selben Zeitraum aber nur jeder zehnte Betrieb ein. Das gesamte Stellenangebot sank hier auf 132 000 ab - den niedrigsten Stand seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 1992. Bundesweit hat sich die Zahl der freien Stellen binnen Jahresfrist um 10 Prozent auf 790 000 reduziert. 2003 war sie bereits um rund 180 000 gesunken. Freie Stellen blieben im Westen durchschnittlich 19 Tage, im Osten 11 Tage vakant, kürzer als die Jahre zuvor. Die sinkende Vakanzrate - das Verhältnis zwischen Vakanzen und aktuell Beschäftigten - hat seit dem Jahr 2000 bundesweit von 2,5 Prozent auf 1,2 Prozent im Jahr 2004 abgenommen und liegt damit fast auf dem Tiefstand des Rezessionsjahres 1993 (1,1 Prozent). Die Vakanzraten im Akademikerbereich liegen mit 2,0 Prozent am höchsten. Im Westen erforderte etwa jede vierte, im Osten jede fünfte freie Stelle einen Hochschulabschluss.
Die Betriebe und Verwaltungen nutzen zur Suche nach Mitarbeitern im Allgemeinen mehrere Möglichkeiten zugleich. Rückläufig zeigte sich die Suche über eigene Inserate (36 Prozent) - das IAB vermutet, dass dies aus Kostengründen der Fall ist - sowie über interne Ausschreibungen (19 Prozent). Bemerkenswert ist der hohe Anteil der Bewerbersuche über Hinweise eigener Mitarbeiter und persönliche Kontakte (42 Prozent). Initiativbewerbungen Arbeitssuchender werteten 28 Prozent der Firmen aus. Mit Hilfe von Stellenangeboten im Internet fahndeten 34 Prozent nach Bewerbern. Von geringer Bedeutung blieben mit jeweils fünf Prozent nach wie vor der Rückgriff auf Inserate Arbeitsuchender und private Arbeitsvermittlung, die sogar etwas an Boden verlor. Auf Aushänge am Firmeneingang baute nur ein Prozent der Betriebe.
Das IAB hat weiter gefragt, wie hoch die Erfolgsquote für die Firmen bei den jeweiligen Suchwegen ausgefallen ist. Berücksichtigten sie Initiativbewerbungen, dann wählten sie den neuen Mitarbeiter aus diesem Fundus mit einer Erfolgsquote von 64 Prozent, durch Mitarbeiter und persönliche Kontakte von 68 Prozent. Der direkte Kontakt zur Bundesagentur zeigte eine Erfolgsquote von 34, zum Internetservice der Agentur von 33 Prozent. Berücksichtigt man alle Suchwege, konnte die Agentur rechnerisch unter dem Strich mit 46 Prozent punkten. Eigene Inserate der Firmen führten zu 52 Prozent ans Ziel.
Für den Arbeitssuchenden bedeutet dies, dass er ebenfalls mehrere Suchwege beschreiten muss - persönliche Kontakte zur Firma oder zumindest zu einem ihrer Mitarbeiter versprechen den größten Erfolg.
Wer gegenwärtig einen Arbeitsplatz hat, sucht seltener nach einer neuen Beschäftigung, was der bereits lang andauernden schwierigen Arbeitsmarktsituation und der damit verbunden Unsicherheit zugeschrieben werden kann. Darauf deutet auch die Entwicklung der Abgänge aus Beschäftigung hin. So haben Ende 2004 in nur noch 23 Prozent der Betriebe Arbeitnehmer ihr Beschäftigungsverhältnis durch eigene Kündigung beendet. 2003 geschah dies noch in 30 und 2000 sogar in 41 Prozent der Betriebe.
© 2005 c't
Es sind nicht die großen Firmen und Konzerne, die bevorzugt Mitarbeiter einstellen: Mehr als die Hälfte der offenen Stellen wurde Ende letzten Jahres von Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten angeboten, allein 30 Prozent von kleinen Betrieben mit bis zu 10 Mitarbeitern. Bei Facharbeitern und qualifizierten Angestellten oder Beamten hat sich die Zahl der Vakanzen weiter verringert. An- und ungelernte Arbeiter sowie einfache Angestellte hingegen wurden häufiger gesucht - ein Umstand, der sogar das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) überrascht hat, das die Studie in ihrem Kurzbericht 6/05 veröffentlicht hat.
In Westdeutschland suchte im vierten Quartal 2004 etwa jeder achte Betrieb Personal, in Ostdeutschland stellte im selben Zeitraum aber nur jeder zehnte Betrieb ein. Das gesamte Stellenangebot sank hier auf 132 000 ab - den niedrigsten Stand seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 1992. Bundesweit hat sich die Zahl der freien Stellen binnen Jahresfrist um 10 Prozent auf 790 000 reduziert. 2003 war sie bereits um rund 180 000 gesunken. Freie Stellen blieben im Westen durchschnittlich 19 Tage, im Osten 11 Tage vakant, kürzer als die Jahre zuvor. Die sinkende Vakanzrate - das Verhältnis zwischen Vakanzen und aktuell Beschäftigten - hat seit dem Jahr 2000 bundesweit von 2,5 Prozent auf 1,2 Prozent im Jahr 2004 abgenommen und liegt damit fast auf dem Tiefstand des Rezessionsjahres 1993 (1,1 Prozent). Die Vakanzraten im Akademikerbereich liegen mit 2,0 Prozent am höchsten. Im Westen erforderte etwa jede vierte, im Osten jede fünfte freie Stelle einen Hochschulabschluss.
Die Betriebe und Verwaltungen nutzen zur Suche nach Mitarbeitern im Allgemeinen mehrere Möglichkeiten zugleich. Rückläufig zeigte sich die Suche über eigene Inserate (36 Prozent) - das IAB vermutet, dass dies aus Kostengründen der Fall ist - sowie über interne Ausschreibungen (19 Prozent). Bemerkenswert ist der hohe Anteil der Bewerbersuche über Hinweise eigener Mitarbeiter und persönliche Kontakte (42 Prozent). Initiativbewerbungen Arbeitssuchender werteten 28 Prozent der Firmen aus. Mit Hilfe von Stellenangeboten im Internet fahndeten 34 Prozent nach Bewerbern. Von geringer Bedeutung blieben mit jeweils fünf Prozent nach wie vor der Rückgriff auf Inserate Arbeitsuchender und private Arbeitsvermittlung, die sogar etwas an Boden verlor. Auf Aushänge am Firmeneingang baute nur ein Prozent der Betriebe.
Das IAB hat weiter gefragt, wie hoch die Erfolgsquote für die Firmen bei den jeweiligen Suchwegen ausgefallen ist. Berücksichtigten sie Initiativbewerbungen, dann wählten sie den neuen Mitarbeiter aus diesem Fundus mit einer Erfolgsquote von 64 Prozent, durch Mitarbeiter und persönliche Kontakte von 68 Prozent. Der direkte Kontakt zur Bundesagentur zeigte eine Erfolgsquote von 34, zum Internetservice der Agentur von 33 Prozent. Berücksichtigt man alle Suchwege, konnte die Agentur rechnerisch unter dem Strich mit 46 Prozent punkten. Eigene Inserate der Firmen führten zu 52 Prozent ans Ziel.
Für den Arbeitssuchenden bedeutet dies, dass er ebenfalls mehrere Suchwege beschreiten muss - persönliche Kontakte zur Firma oder zumindest zu einem ihrer Mitarbeiter versprechen den größten Erfolg.
Wer gegenwärtig einen Arbeitsplatz hat, sucht seltener nach einer neuen Beschäftigung, was der bereits lang andauernden schwierigen Arbeitsmarktsituation und der damit verbunden Unsicherheit zugeschrieben werden kann. Darauf deutet auch die Entwicklung der Abgänge aus Beschäftigung hin. So haben Ende 2004 in nur noch 23 Prozent der Betriebe Arbeitnehmer ihr Beschäftigungsverhältnis durch eigene Kündigung beendet. 2003 geschah dies noch in 30 und 2000 sogar in 41 Prozent der Betriebe.
© 2005 c't
7.1.06
Web 2.0
Sie gehörten zur New Economy wie das Risikokapital: Typische Hype-Begriffe wie "Community" oder "Interaktivität". Jetzt geistert ein neuer Begriff durch die Online-Welt: Web 2.0. Was steckt dahinter?
Der Tagesablauf eines typischen Web-2.0-Nutzers könnte ungefähr so aussehen: Bevor er das Haus verlässt, lädt er seine Lieblingspodcasts aus dem Netz auf den MP3-Player - frisches auf die Ohren für die U-Bahn. Am Arbeitsplatz lässt er sich per RSS-Feed die neuesten Nachrichten und Einträge aus seinen Lieblingsblogs anzeigen. Seine E-Mail sortiert er schon lange nicht mehr in altmodischen Ordnern, sondern er nutzt den unbegrenzten Speicherplatz und die intuitive Suche von Google-Mail. Bookmarks liegen nicht mehr im Browser, sondern online bei "del.icio.us". Auch seine Dokumente erstellt und verwaltet er nicht mehr lokal mit Word oder Excel, sondern selbstverständlich online über browserbasierte Programme wie Writely.
Zum Nachschlagen reicht das Online-Lexikon Wikipedia, das Restaurant für den Abend findet er über Google-Maps. Dort haben dutzende Internetnutzer schon ihre Lieblingsplätze eingetragen - ihnen vertraut er mehr als den herkömmlichen Restaurantführern. Vor dem Schlafengehen schreibt er noch seine Erlebnisse des Tages in sein Blog und stellt die dazugehörigen Fotos bei Flickr ein.
All das ist Web 2.0 - aber was genau verbirgt sich dahinter? "Web 2.0 ist der Versuch, neue Strömungen im Netz zusammenzufassen und ihnen einen Begriff zu geben", erklärt Florian Rötzer vom Online-Magazin "Telepolis". Tim O'Reilly und Dale Dougherty vom Computer-Fachverlag O'Reilly erfanden den Begriff im Frühjahr 2004. Seitdem hat er sich geradezu inflationär verbreitet. Die Suchmaschine Google spuckt auf eine entsprechende Anfrage etwa 574.000 Einträge allein in deutscher Sprache aus, im gesamten Web sind es mehr als 19 Millionen (Stand: 24.11.2005, vormittags)...
Den kompletten Artikel von Kristina Kaul findest Du hier.
5.1.06
Zitat des Tages
Gefunden auf Bluephod
Computerspiele jugendgefährdend? So ein Quatsch! Die Kids haben früher auch Pacman gespielt. Und? Tanzen die Jugendlichen jetzt vielleicht zu monotoner Musik durch dunkle Räume und werfen eine Pille nach der anderen ein?
1.1.06
Abstieg nach Plan
Ein denkwürdiger Beitrag von Mark Spörrle für DIE ZEIT:
© 2004 Die Zeit
Der IT-Berater Helmut Pfeiffer verdiente gut, vor zwei Jahren verlor er seine Arbeit. Die Hartz-IV-Reformen treffen ihn und seine Frau besonders hart ...
Volksdorf liegt nur eine halbe UBahn-Stunde vom Hamburger Hauptbahnhof mit seinen Junkies und Obdachlosen entfernt, aber hier ist die Welt noch in Ordnung. Bäume säumen stille Anliegerstraßen, großzügige Einfamilienhäuser stehen auf üppig eingewachsenen Grundstücken, Zweitwagen glänzen vor den Garagen. Jede Wohnung hier im Stadtteil hat statistisch 100 Quadratmeter, ein Drittel mehr als im Hamburger Durchschnitt. Die Kriminalitätsrate ist halb so hoch wie sonst im Stadtgebiet, der Anteil der Sozialhilfeempfänger verschwindend gering, der an Älteren deutlich höher. In Volksdorf leben viele, die es zu etwas gebracht haben, die Jahrzehnte wirtschaftlicher Blüte genutzt haben, um sich und ihrer Familie etwas aufzubauen, einen kleinen Puffer gegen den sozialen Abstieg für Zeiten, in denen selbst ein Aufschwung keine Arbeitsplätze mehr schafft.
Vor 15 Jahren, als Ingrid und Helmut Pfeiffer als DDR-Flüchtlinge hierher zogen, war es für sie ein Stück vom Paradies. Sie mieteten die Wohnung, in der sie heute noch leben, in einem Mehrfamilienhaus, kleiner als der statistische Durchschnitt, drei Zimmer, 75 Quadratmeter, aber mit Balkon und Blick auf grüne Gärten. Die Pfeiffers, er: studierter Maschinenbauingenieur, umgesattelt auf IT-Berater, sie: studierte Ökonomin, waren ehrgeizig, fleißig und entschlossen, ihr privates Wirtschaftswunder nachzuholen.
Damals hätten sie nur gelacht, hätte ihnen jemand erzählt, dass ihre Teilhabe am westlichen Wohlstand gerade mal zehn Jahre dauern würde. Dass Helmut Pfeiffer, drahtig, dynamisch, humorvoll, einer, der als Mitte 40 durchgehen könnte, mit 52 Jahren vom Arbeitsmarkt ausgespuckt werden würde wie ein altes Stück Fleisch. Dass er drei Jahre damit verbringen würde, einen neuen Job zu suchen, fest oder frei, sich auf dem neuesten Stand des Wissens zu halten, Kontakte zu pflegen, die Hoffnung, das Lächeln nicht aufzugeben. Und dass der Staat dann befinden würde, dass Helmut und Ingrid Pfeiffer, wie andere länger arbeitslose Akademiker auch, vom 1.1.2005 an kein Arbeitslosengeld, keine Arbeitslosenhilfe mehr bekommen, sondern nur noch eine Unterstützung auf Sozialhilfeniveau, bei deren Höhe es keine Unterschiede gibt: Egal, ob man studiert, viel Zeit, Geld, Mühe in seine Ausbildung investiert hat oder nicht. Egal, wie lange man gearbeitet, was man verdient, wie viele Steuern man gezahlt hat. "Wir werden bestraft", so sieht es Ingrid Pfeiffer, 55 Jahre wie ihr Mann, eine Frau, die gerne lacht, trotz allem, was in den letzten Jahren geschehen ist. Nur wenn sie über Hartz IV spricht, wird ihre Stimme lauter. Vor Verzweiflung; vor Wut.
Nicht nur über den zerstörten Traum vom Wohlstand und einen Lebensabend in der Mittelschicht; Wut, dass dieser Staat so tut, als seien Pfeiffers Drückeberger. Sie können es einfach nicht fassen, dass die Bundesagentur für Arbeit sich zwar alle Mühe geben will, mit einem Fragebogen herauszufinden, ob Pfeiffers ja nicht noch ein Ölgemälde an der Wand hängen haben, das man zu Geld machen kann – aber dass dann ein Arbeitsvermittler Helmut Pfeiffer womöglich einfach irgendeine Tätigkeit zuweisen wird, nur damit sein Fall abgehakt ist. Helmut Pfeiffer hat gelesen, dass die Arbeitsagenturen Verträge mit der Caritas abschließen wollen, für ein oder zwei Euro pro Stunde sollen Langzeitarbeitslose alte Menschen betreuen. Das habe er schon mal gemacht, in der DDR habe er seine Alzheimer-kranke Mutter gepflegt, sechs Jahre, bis zum bitteren Ende. "Soll ich damit jetzt wieder Zugang zum ersten Arbeitsmarkt finden?", fragt er. "Welch ein Hohn!"
Es ist nicht nur Wut, es ist auch Angst. Angst, dass man Menschen über 50, wie sie es sind, nur noch verwalten, abwickeln will. Angst, abhängig, ausgeliefert zu sein. Der Gedanke ist für die Pfeiffers vielleicht noch unerträglicher, weil sie sich an ihre Empfindungen in der DDR erinnert fühlen; an die Zeit, als die Pfeiffers an Grenzen stießen, weil sie, erzählen sie, in ihren Berufen als Außenhandelskauffrau für Koffer und Lederwaren und als Abteilungsleiter bei Robotron fleißiger, kreativer waren als ihre Chefs, die Parteibonzen. Eine komplizierte, qualvolle Geschichte, die damit endete, dass Helmut Pfeiffer 1987 aus der DDR floh, seine Frau durfte später schließlich ausreisen. Pfeiffers zogen nach Hamburg, hier hatten sie Verwandte. Es gab auch einen Unterstützerkreis engagierter Frauen aus der CDU, der DDR-Flüchtlingen Bücher spendete, Geld lieh und ihnen half, ein neues Leben im Westen zu beginnen.
Pfeiffers beeilten sich damit, denn sie waren schon 40, hatten viel Zeit verloren und fast alles, was sie in der DDR besessen hatten. Beide absolvierten ein Ergänzungsstudium, damit ihre Abschlüsse anerkannt wurden. Dann stieg Helmut Pfeiffer als Trainee im IT-Bereich bei Philips ein, Ingrid Pfeiffer bestückte für Eduscho Kaffeeautomaten in Firmen.
Pfeiffers waren mustergültige Neubürger, "Vorzeige-Ossis", sagt er heute, sie strengten sich an, sie verdienten gut. Und die Frauen aus dem Hamburger Unterstützerkreis brachten ihnen bei, worauf es sonst noch ankam. Auf eine Wohnung im richtigen Stadtteil: Volksdorf also. Auf die richtige Automarke: Pfeiffers legten sich einen kleinen Mercedes zu. Auf die richtigen Freunde: Das ergab sich fast von selbst, bei Philips legte man Wert auf gutes Betriebsklima und darauf, dass die Mitarbeiter sich auch privat gut verstanden. Einige Kollegen wohnten ohnehin in der Nähe, sie luden Pfeiffers ein, auf ihr Segelboot, in ihre Ferienwohnung an der Ostsee. Manchmal dachten Ingrid und Helmut Pfeiffer, dass sie vielleicht auch einmal so etwas haben würden, und sie möblierten ihre Wohnung in gediegenem Landhausstil, mit pastellfarbener Sitzgarnitur und Tischen, die fast aussahen wie die echten Antiquitäten in den Eigentumswohnungen ihrer Freunde.
Helmut Pfeiffer wurde IT-Berater, später hieß das Consultant; einer der smarten Anzugträger, die morgens ins Flugzeug stiegen und zu Firmenkunden irgendwo in Deutschland flogen, um Software zu installieren, die Betriebsabläufe rationeller organisiert. Nein, sagt er heute, Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben habe er nicht; für jeden durch veränderte Abläufe eingesparten Job habe es doch irgendwo einen neuen gegeben.
Pfeiffers gingen ins Theater, in die Oper, machten zweimal im Jahr Urlaub, in Italien, in der Karibik. Beide hatten nie stark sächsisch gesprochen, aber nun klang vor allem Helmut Pfeiffers Aussprache manchmal fast ein bisschen hamburgisch. Pfeiffers waren glücklich.
Dann brach bei Ingrid Pfeiffer Krebs aus. 1992 musste die Schilddrüse operiert werden, sie brauchte Jahre, bis sie sich davon erholt hatte. Dazu kam noch eine Herzinsuffizienz. Seitdem, sagt sie, "bin ich beruflich nicht mehr so richtig in die Gänge gekommen".
Aber die New Economy kam langsam auf Touren, Helmut Pfeiffer schloss fürs Alter noch eine Lebensversicherung ab, IT-Consultants waren immer gefragt, es gab Übernahmen, Zusammenschlüsse, die Firma, für die er arbeitete, hieß erst Kienzle, dann Digital, Ditec, schließlich AtosOrigin, aber Helmut Pfeiffer stieg nach wie vor morgens ins Flugzeug. Er tat das sogar noch lieber, weil das Klima im Betrieb sich geändert hatte. Die neuen Firmenchefs förderten intern nicht mehr Kooperation, sondern Konkurrenz. Freundschaften entstanden dadurch nicht mehr, aber da war noch die alte Clique aus Philips-Zeiten, alle ungefähr im selben Alter, alle gut verdienend.
Wer etwas kann, muss sich keine Sorgen machen, dachte Helmut Pfeiffer. Auch, als es mit der New Economy bergab ging. War nicht sein Job etwas ganz anderes als diese überschätzten überbewerteten Internet-Firmen; braucht nicht jeder Experten, die helfen, Abläufe zu optimieren, zu sparen – gerade, wenn Börsen nach unten gehen, wenn das Geld nicht mehr so locker sitzt?
Doch auch die IT-Branche bekam Probleme. Im Jahr 2002 beschloss AtosOrigin, den Vertrieb einer der Firmen-Softwares einzustellen und die IT-Berater, die mit dieser Software gearbeitet hatten, zu entlassen. Betriebsbedingte Kündigung, sagt Helmut Pfeiffer ganz ruhig, das sei die Regel in seiner Branche gewesen. "Man versuchte nicht, das Wissen und Können der Mitarbeiter zu erhalten, man interessierte sich nicht dafür, ob einer das Potenzial hatte, in einem anderen Bereich zu arbeiten. Ich habe das versucht – man wollte es nicht." Helmut Pfeiffer muss das schon oft gesagt haben, um dabei so ruhig zu bleiben.
5000 Euro brutto im Monat hatte er zum Schluss verdient, 1650 Euro Arbeitslosengeld bekam er nun. Pfeiffers gaben den Mercedes zurück und kauften einen gebrauchten Nissan. Sie reisten nicht mehr, gingen nicht mehr essen, nicht mehr ins Theater. "Wir konnten im Freundeskreis nicht mehr mithalten", sagt Ingrid Pfeiffer.
Doch die Clique war ohnehin in Auflösung begriffen. Auch andere IT-Berater waren gekündigt worden, und bei denen, die auf ihre Steuerberater gehört und hohe Schulden gemacht hatten, um ihre Steuerschuld zu senken, verschwand der Wohlstand so schnell, dass man fast zusehen konnte: Die Freunde mussten ihr Segelboot verkaufen, die Ferienwohnung, dann auch die Eigentumswohnung. Er habe versucht, Kontakt zu halten, sagt Helmut Pfeiffer, er habe auch Bescheid gesagt, wenn er von passenden Jobs gehört habe. Nicht mal das hätten die Freunde gewollt. Sie hätten sich zurückgezogen, alle Verbindungen zum alten Leben gekappt, als wäre Arbeitsplatzverlust eine persönliche Schande, über die man nicht spricht.
Pfeiffer erzählt von seinen Erlebnissen auf dem Arbeitsamt. Von Sachbearbeitern mit wenig Allgemeinbildung und noch weniger Wissen über Förderungsmöglichkeiten als die arbeitslosen Akademiker, die sie betreuen. Überforderten Sachbearbeiterinnen, die einen im Kasernenhofton abfertigen. "Man ist ein Mensch zweiter Klasse", sagt Helmut Pfeiffer nüchtern, "ein Umgangston, wie ich ihn früher in der DDR erlebt habe", sagt seine Frau heftig.
Das Amt war nicht in der Lage, einen Job zu vermitteln, nicht mal ein Vorstellungsgespräch. Helmut Pfeiffer sucht selbst, jeden Tag von morgens bis nachmittags, eigentlich ist das wie ein Job, er sucht im Internet, in Stellendatenbanken, Suchprogramme schicken ihm am Tag zehn bis dreißig Mails mit Hinweisen auf Angebote. Nur wenn Programmiersprachenkenntnisse gesucht würden, das müsse er aussortieren, sagt er, "alles andere nehme ich mit".
Viele Angebote fallen bei näherem Hinsehen trotzdem weg, weil ausdrücklich Leute bis um die 35 gesucht werden. Bei dem Rest, drei bis fünf sind das am Tag, ruft Helmut Pfeiffer an. Er ruft auch bei Unternehmen an, von denen er in der FAZ liest, dass sie ein neues Geschäftsfeld eröffnen.
Aber dann ist es meistens schon vorbei. Das Alter, natürlich, wenn er vorsichtig die Sprache auf sein Alter bringt, hört er Sätze wie: "Unsere Firma legt Wert darauf, dass unser Altersdurchschnitt von 32,85 Jahren beibehalten wird." Tatsächlich mit Kommastellen, sagt Pfeiffer. Wenn er nichts dergleichen hört, selten ist das, jagt Helmut Pfeiffer eine Bewerbung los, per Mappe, meist aber per Mail, das mag man bei den Unternehmen lieber, dann hat man keine Portokosten für die Absagen.
Wenn er großes Glück hat, will dann der zuständige Abteilungsleiter ausführlich mit ihm am Telefon sprechen. Ein Gespräch hatte er neulich mit jemandem aus Stuttgart, man will sich melden, er hatte auch schon Gespräche mit Leuten in Dortmund und Darmstadt. Der nächste Schritt ist dann die persönliche Einladung. Die kommt noch, hofft Pfeiffer, er hofft seit drei Jahren.
Er ist auch von sich aus zu Firmen gefahren, bewirbt sich als freier IT-Berater für Projekte auf Zeit, besucht Fortbildungen für neue Software, wenn das Arbeitsamt nichts zahlt, dann eben auf eigene Kosten. Er trifft sich mit privaten Arbeitsvermittlern und Headhuntern. Einer hat ihm neulich gesagt, dass man als IT-Berater deshalb höchstens Ende 30 sein dürfe, weil ein 40-jähriger Manager keinen Älteren neben sich dulde, aus Angst, der könne mehr wissen.
Auch Helmut Pfeiffer schämte sich irgendwann, dass er seinen Job verloren hatte. Dass er gezwungen war, ein Bittsteller, Ausgegrenzter, Unerwünschter zu sein. Dass er so alt ist. Er führte endlose Gespräche mit seiner Frau. Er ging auch zu einer Volksdorfer Therapeutin, die ihm ins Gesicht sagte, er sei nun schon der dritte Arbeitslose, der daherkäme, und sie habe darauf keinen Bock mehr.
Schließlich fand er Hilfe bei einem Heilpraktiker. Die Sitzungen muss er privat bezahlen. "Ich denke, dass ich das ab dem neuen Jahr nicht mehr kann." 1380 Euro Arbeitslosenhilfe bekommt Helmut Pfeiffer im Moment noch, aber bald wird er alle Versicherungen kündigen müssen, Rechtsschutz, Hausrat, Risikoleben, vom neuen Jahr an soll Hartz IV Langzeitarbeitslosen stärker finanziellen Druck machen. Dann muss Helmut Pfeiffer auch die Lebensversicherung auflösen, mit der sie ihre noch nicht sonderlich hohe Rente aufbessern wollten, aber allzu viel hat sich auch da nicht angesammelt; zehn Jahre gut bezahltes Arbeiten reichen nicht, um ein Vermögen aufzubauen. Wie andere es konnten, die schon länger in Volksdorf wohnen, jene unter den ehemaligen Freunden, die lieber auf die Dienste und Demütigungen der Bundesagentur für Arbeit verzichten und die Jahre bis zur rettenden Rente von der Substanz zehren, auf Kosten ihrer Erben.
345 Euro wird Helmut Pfeiffer bekommen, 311 Euro seine Frau. Dazu ein befristeter Zuschlag und die Kosten für eine Wohnung; nur, ihre jetzige ist zu groß für Langzeitarbeitslose. Pfeiffers wurde auf dem Amt gesagt, dass ihnen 45 Quadratmeter für die erste Person und 15 Quadratmeter für die zweite Person zustünden, also 60 Quadratmeter insgesamt – egal ob man in dieser Wohnung nur schläft, isst und trinkt oder auch Bücher hat, einen Computer, vielleicht sogar eine Arbeitsecke, weil man die Hoffnung auf Arbeit noch nicht aufgegeben hat. 348 Euro darf eine solche Wohnung höchstens kosten. "Wo kriegt man eine Wohnung für so einen Preis?", fragt Helmut Pfeiffer kopfschüttelnd.
Ingrid Pfeiffer ist still geworden. Aber ihren Mann beunruhigt, was passieren wird, wenn es klappen sollte mit einem der Projekte als freier IT-Berater; wenn er sich doch aus der Arbeitslosigkeit abmelden kann. Und wenn dann ein Folgeauftrag fehlt. "Wie komme ich aus der Selbstständigkeit wieder zurück in die Sozialsysteme, die nehmen doch keinen über 55 mehr auf!" Eigeninitiative, Kreativität, sagt Helmut Pfeiffer, und seine Stimme zittert fast unmerklich, sei nicht mehr vorgesehen. "Es wird Ihnen unterstellt, dass Sie willenlos verwaltet werden und einen Job für zwei Euro machen. Ihr Interesse, in den Arbeitsmarkt zurückzugehen, wird Ihnen abgesprochen. Sie sind gefangen in dieser Situation!"
Frau Pfeiffer hat jetzt Tränen in den Augen. "Bevor man kommt und uns auch noch aus unserer Wohnung wirft", sagt sie, "mache ich Schluss. Da bringe ich mich um."
© 2004 Die Zeit

